Die Eltern der                                                                                                         19.07.04

Gemeinschaft in Klosterzimmern                                          

86738  Deiningen

 

 

Dr. Hell

Staatliches Schulamt Donau-Ries

Jennisgasse 5

86009 Donauwörth

 

Herr Kanth

Landratsamt Donau-Ries

Pflegstraße

86609 Donauwörth

 

 

Überprüfung des Leistungsstandes

 

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Hell, sehr geehrter Herr Kanth,

 

wir bitten um Verständnis dafür, dass die Beantwortung Ihres Schreibens etwas länger als geplant gedauert hat. Wir wollen Ihnen und den anderen beteiligten Behördenvertretern hiermit darlegen, warum dieser Meinungsbildungsprozess längere Zeit in Anspruch genommen hat.

 

Aus den Erfahrungen mit den Schulbehörden in Niedersachsen und Baden-Württemberg wussten wir, wie ungemein wichtig der persönliche Kontakt zwischen uns und den bayerischen Behörden sein würde. Nur auf einer Plattform von Vertrauen können Menschen einander begegnen. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen dem Staat und seinen Vertretern und seinen Bürgern. Herr RD Huber von der Regierung von Schwaben hat mir letzte Woche bestätigt, dass in unserem Fall der Mangel an gegenseitigem Vertrauen ein Problem sei.

 

Von Anfang an lag es uns am Herzen, mit den Behörden in Bayern ein offenes Verhältnis anzustreben. Daher baten wir gleich nach dem Umzug der ersten Familien ins Donau-Ries (Sommer 2001) um einen Gesprächstermin mit dem Staatlichen Schulamt.  Dieses Treffen fand in der Deininger Volksschule statt. Dort versuchten wir darzulegen, warum wir unsere Kinder aus Glaubens- und Gewissensgründen selbst erziehen müssen. Uns war bewusst, dass die allgemeine Schulpflicht auch in Bayern Gesetz war, wussten aber auch um die Bayerische Verfassung in Bayern, welche die höchsten Bildungsziele klar definiert:

 

Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt sowie Herzens- und Charakterbildung,“ (BV Art. 131, Absatz 1 und 2).

 

 

 

Es sind genau diese Ziele, die wir in Gottes Schrift und in unserem Gewissen verankert sehen, und die wir mit aller Kraft und Liebe für unsere Kinder anstreben. Genau aus diesem Grunde sind wir uns der hohen Verantwortung als Eltern unserer Kinder gegenüber bewusst. Wir sind keine „Raben-Eltern“, die ihre Kinder vernachlässigen und verwahrlosen lassen. Wir erziehen sie gewissenhaft und bereiten sie für ein natürliches, mit sinnvollen Werten gefülltes Leben vor. Unsere Kinder werden keine Sozialfälle für den Staat werden. Um sich zu gesunden, selbstbewussten und verantwortungsbewussten Erwachsenen zu entwickeln, brauchen sie den Rückhalt einer gesunden und liebevollen Familie. Die Familie, nicht die Schule, macht Kinder tauglich für das Erwachsenen-Leben. Dazu ein kleines Zitat von Jeremias Gotthelf(18. Jh.):

 

Es ist nicht der Staat, nicht die Schule, nicht irgend etwas anderes

des Lebens Fundament, sondern das Haus ist es.

Nicht die Regenten regieren das Land,

nicht die Lehrer bilden das Leben,

sondern Hausväter und Hausmütter tun es;

nicht das öffentliche Leben ist in einem Lande die Hauptsache,

sondern das häusliche Leben ist die Wurzel von allem, und je nachdem

die Wurzel ist, gestaltet sich alles andere.

                            

 

Unsere Hoffnung bestand darin, wie in Niedersachsen (Anhang 1) und Baden- Württemberg unsere Kinder gemäß unseres Glaubens erziehen zu können, da unsere Erziehung auf der Bayerischen Verfassung steht. In der Zeit nach diesem ersten Treffen sind weitere Familien nach Klosterzimmern gezogen und haben sich hier ordnungsgemäß angemeldet. Immer wieder haben wir mit den Schulbehörden, dem Kultusministerium und dem Landratsamt den Dialog gesucht. Mehrmals haben wir alle Verantwortlichen eingeladen, sich die Zeit zu nehmen, unserem Unterricht beizuwohnen und unsere Kinder kennen zu lernen. Uns war und ist immer noch zutiefst bewusst, dass der Staat das Recht hat zu wissen, ob und wie wir unseren Kindern eine Bildung gewähren(Wächteramt des Staates; GG Art 7).  Solch ein persönlicher Kontakt hätte die Grundlage für gegenseitiges Vertrauen schaffen können. Es wäre doch im ureigensten Interesse der Behörden gewesen, sich zu überzeugen, ob es unseren Kindern gut geht oder nicht, ob wir sie tatsächlich unterrichten oder ob wir Eltern nur leere Worte über unseren Unterricht geredet haben. Leider wurde nicht ein einziges Mal von den Behörden davon Gebrauch gemacht. Im Anhang finden Sie auch eine kurze Chronologie unserer Versuche, mit dem Kultusministerium in Verbindung zu treten. Dieser Brief an Frau Hohlmeier verdeutlicht die ablehnende Haltung seitens dieser Behörde. (Anhang 2)

 

An Stelle von vertrauensbildenden Maßnahmen kamen Buß- und Zwangsgelder und Gerichtsverhandlungen. Kurz vor der Polizeirazzia am 7. Oktober 2002 war es zu einem ergebnislosen Treffen mit dem Landrat Rössle und seinen Stellvertretern gekommen, in dem uns klar gemacht wurde, wir und unsere Kinder würden gezwungen werden, der Schulpflicht nachzukommen, oder wir sollten besser das Land Bayern verlassen.

 

In den Eltern und –vor allem-  in den hier lebenden Kindern wurde am 7. Oktober 2002 ein Stück Vertrauen in die Polizei und den Staat zerstört. Es war sehr schmerzlich mit anzusehen wie unsere Kinder behandelt wurden.

 

            Erst nach diesem tragischen Ereignis kam es zu einem ersten Besuch der Behördenvertreter in unserem Haus. Herr SOAR Kanth und Herr Eberhardt vom Staatlichen Schulamt wollten sich jetzt tatsächlich ein persönliches Bild von unseren kleinen Klassen machen. Zum ersten Mal signalisierten die Behörden ein aufrichtiges Interesse, unsere innersten Beweggründe kennen zu lernen. Wir fühlten uns als Menschen behandelt.  Auch Ihr Bemühen, Herr Dr. Hell, uns gleich nach Übernahme des Schulamtes durch einen Besuch persönlich kennen zu lernen, wurde von den Eltern geschätzt.

 

            Herr Dr. Wittmann vom Kultusministerium sagte uns im Januar dieses Jahres, er hätte Informationen, die besagen, wir würden uns „nicht in die Karten schauen lassen“ und hätten Besuche der Behörden verweigert!  Nichts wäre weiter von der Wahrheit entfernt als das. Wenn jemand die Möglichkeiten des Kennenslernens und Vertrauensbildens ausgeschlagen hat, sind es die Behörden (insbesondere das Kultusministerium), nicht wir. Leider hat Herr Dr. Wittmann keinen der Briefe beantwortet, in denen wir gebeten haben, die Quelle dieser Falschinformation zu erfahren, um diese zu berichtigen. Herr RD Huber bestätigte Herrn Röhrs aus unserer Gemeinschaft, dass solche Informationen auch nicht von der Regierung von Schwaben kämen. Woher kommen diese Unwahrheiten über uns? Wir wissen, dass manches Vorurteil oder Gerücht über uns kursiert. Dieses möchten wir aber gerne richtig stellen und Transparenz gegenüber den Behörden zeigen.

 

            Der „Rauswurf“ aus dem Kultusministerium vor einigen Monaten (Anhang 3) hat die Bildung von Vertrauen bei uns Eltern sehr erschwert. Diese Unsicherheit war es dann auch, welche es uns so schwierig gemacht hat, eine Entscheidung für oder wider eine Leistungsstandüberprüfung zu treffen. Der Ansatz für diesen Test, die Überprüfung des Sorgerechts, ist für uns sehr problematisch. Wie kann der  Wissensstand eines Kindes Maßstab für einen Sorgerechtsentzug sein?

 

Vor kurzer Zeit wurden wir  Eltern benachrichtigt, dass ein erneuter Termin beim Amtsgericht in Nördlingen ansteht. Wieder sollen Bußgelder verhängt werden. Wir Mütter und Väter stehen zudem kurz davor, ein bis zwei Wochen in Erzwingungshaft genommen zu werden. Die ganze derzeitige Situation ist sehr schwierig und wir alle- Eltern und Kinder- sind durch die schlechten Erfahrungen der letzten Zeit sehr belastet. Den Kinder ist bewusst, worum es geht und wie viel von dem Ergebnis dieses Tests abhängen kann. Wir glauben nicht, dass zum jetzigen Zeitpunkt ein solcher Test positiv sein kann und wollen ihn aus Liebe und Rücksicht zu unseren Kindern ihnen in dieser Zeit, in der ihre Eltern für ihren Glauben ins Gefängnis gehen müssen, nicht zumuten. Pädagogisch wäre dies auf keinen Fall sinnvoll!

 

            Wir verstehen die Notwendigkeit,  Einsicht in den Leistungsstand unseres Unterrichtes zu bekommen und halten dies auch für ein legitimes Recht des Staates. Wir wünschen uns, in dieser schwierigen Situation Vertrauen bilden zu können und möchten Ihnen Einblick in unseren Unterricht gewähren. Wir bieten Ihnen an, unseren täglich stattfindenden Unterricht zu besuchen, Einsicht in Schülerhefte, Schulbücher, Klassenbücher und unsere Quartalstests zu nehmen, an Hand derer Sie sich ein gutes Bild der Schülerleistungen machen können. Vor allem können Sie mit einem Unterrichtsbesuch unsere Kinder persönlich kennen lernen. Solch eine Einsicht gibt genauere Auskunft über die Leistungen eines Kindes als ein Test, der obendrein eine Tagesleistung darstellt. Um den tatsächlichen Leistungsstand von Kindern herauszufinden, ist ein einziger Test sicherlich nicht das geeignete Mittel.

Auf diese Art und Weise können Sie wirklich herausfinden, ob das Kindeswohl gefährdet ist oder nicht.

 

            Wir arbeiten weiter an der Präzisierung unseres Erziehungs- und Bildungskonzeptes. Dabei werden uns Christine und Boris Prem, die jetzt mit ihren Kindern bei uns leben, behilflich sein. Das Ehepaar Prem sind beide ausgebildete Gymnasiallehrer, die sowohl Studium als auch ihre Referendarzeit (mit erfolgreich bestandenem zweiten Staatsexamen) in Bayern absolviert haben. Sie werden uns zukünftig in unserem Unterricht pädagogisch beraten.

 

            Wir hoffen, dass Sie unseren Standpunkt verstehen können und erkennen, dass uns an einer ehrlichen Beziehung mit den staatlichen Behörden gelegen ist. Wir gelten äußerst ungern als Gesetzesbrecher oder Rebellen. Wir sind friedliche Bürger, zahlen unsere Steuern und möchten keinem Menschen –und auch nicht dem Staat- zur Last fallen. Im Gegenteil- wir möchten ein Segen sein für unsere Nachbarn. Wir sind wirklich Gewissenstäter, die nicht anders handeln können.

 

            Wir sind voller Hoffnung, dass trotz schwieriger rechtlicher Lage ein Weg gebahnt werden kann, auf dem sowohl der Staat als auch wir zusammen gehen können. Vorraussetzung dafür ist aber gegenseitiges Kennenlernen und Vertrauen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

die Eltern der Gemeinschaft in Klosterzimmern

  

i.A. Holger Röhrs

  Cc an:

-Herrn Landrat Rössle, Landratsamt Donau-Ries

-Herrn RD Hubert, Regierung von Schwaben

 

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