Die Barriere
Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. (Kolosser 1,13-14)
Nahezu drei Jahrzehnte lang waren
Ost- und Westberlin durch eine große
Betonmauer mit Stacheldraht voneinander
getrennt — eine sehr offensichtliche
Grenze zweier gegensätzlicher Bereiche.
Westberlin war eine kleine Insel mit viel
Freiheit inmitten eines riesigen Reiches
der Tyrannei. Millionen unterdrückter
Seelen sehnten sich nach der Freiheit
des Westens, doch kaum jemand wagte zu
hoffen, dass diese Freiheit einmal Wirklichkeit
werden würde. Und doch gab es ein
paar Mutige, die die nahezu unüberwindbaren
Hindernisse überwanden. Sie gruben
sich Tunnel unter der Mauer hindurch,
durch die sie auf Händen und Füßen
kriechen mussten. Außer den Kleidern
auf ihrem Leib konnten sie nichts mitnehmen
und waren doch frohen Mutes, weil sie
die Hoffnung auf ein neues Leben hatten.
Auch wenn es sich bei der Berliner
Mauer nur um eine zeitlich begrenzte Erscheinung
handelte: Sie kann uns doch eine gewisse
Vorstellung vermitteln von der unsichtbaren,
aber darum nicht weniger realen Barriere,
die das Reich der Dunkelheit vom Königreich
des Lichts trennt. Man wird sich dessen
bewusst, dass jeder, der von dem einen
Reich in das andere Reich gelangen will,
eine gewaltige Hürde zu überwinden
hat.
Das Reich der Dunkelheit
Die ganze Welt liegt in der Macht
des Bösen.1 Alle Menschen sind
unter seiner Herrschaft geboren.2 Obwohl
alle Menschen einen freien Willen und
ihr Gewissen besitzen, mit dem sie
Gut und Böse unterscheiden können3,
sind sie aufgrund der Sünde Adams
doch von Gott entfremdet und dazu verurteilt,
in der Welt ihren eigenen Weg zu gehen.4
Ihre tief verwurzelte Unsicherheit
und ihr Eigennutz machen aus ihnen
eine leichte Beute für den bösen
Herrscher dieser Welt, dessen Hauptbeschäftigung
darin besteht, sie in die Irre zu führen.5
Ohne das Gewissen wäre die Menschheit
vermutlich schon vor langer Zeit untergegangen.
Erst in der heutigen Zeit jedoch hat
sich das Ego mit seinen unersättlichen
Forderungen aller Zügelung durch
das Gewissen entzogen. Das Fundament
der Moral ist so gut wie zerstört.6
Es liegt in der Natur der Welt,
dass sie durch den Motor des Eigennutzes
angetrieben wird. Der Mensch, sein Intellekt,
sein Wille und seine Emotionen werden
von seinen Bedürfnissen und Sehnsüchten
völlig in Beschlag genommen. Das
zeigt sich darin, dass er sich um seine
Karriere, seine Angelegenheiten und seinen
Ruf kümmert und somit seinen Beitrag
zum Aufbau der jetzigen Weltordnung leistet.7
Das Streben der Menschen und ihre Sehnsüchte
sind die Ursache unermesslichen menschlichen
Elends und der sich abzeichnenden Zerstörung
unseres Planetens, den sie so widerwillig
miteinander teilen. Mit ihren natürlichen
Augen können sie keinen Ausweg aus
dem Kreislauf von Sünde und Tod
sehen, in dem sie gefangen sind. Selbst
ihre Religion vermag sie nicht zu befreien.
Sie kann ihnen allenfalls Trost in ihrem
Gefängnis bieten. Sie sitzen in
der Dunkelheit und im Schatten des Todes.8
Das Königreich des Lichtes
Vor langer Zeit erschien ein Mann
auf der Bildfläche der geschundenen
Menschheitsgeschichte mit einer
außergewöhnlichen Botschaft:
Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. (Lukas 4,18-19)
Von dem Tag an, als Er sich in der Taufe
vom gefallenen religiösen System trennte,9
sprach Er über nichts anderes mehr
als das Evangelium des Königreichs.10
Er begeisterte Seine Jünger und alle
diejenigen, die ihm zuhören wollten,
mit der Vision von einer neuen Gesellschaft,
welche auf Liebe basiert – dem genauen
Gegenteil von dem Egoismus, der das Reich
der Dunkelheit am Leben erhält. Unter
Liebe verstand Er kein Gefühl, sondern
die bewusste Anstrengung des Willens mit
dem Ziel, für das Wohl des anderen
zu leben ohne dabei den eigenen Nutzen
oder Verlust in Erwägung zu ziehen.11
Er dachte nicht an gelegentliche Heldentaten
der Liebe, welche dem ansonsten tristen
Alltag ein Sahnehäubchen aufsetzen
würden. Er lebte und starb, um eine
Gesellschaft hervorzubringen, die von Menschen
getragen würde, die keinen Gedanken
auf sich selbst verschwenden,12 sondern
ihr ganzes Leben dazu benutzen, einander
zu dienen. Dies meinte Er mit „zuerst nach dem Königreich Gottes trachten”.
Der Sohn Gottes erwartete nicht, dass die
neue Gesellschaftsordnung schon in diesem
Zeitalter vollends aufgerichtet werden
würde. Darum gab Er Seinen Jüngern
nicht den Auftrag, die Welt zu verbessern,
indem sie sich in die bestehende Gesellschaftsordnung,
ihre Wirtschaft oder ihre Regierungen einmischen.13
Im Gegenteil: Er rief sie dazu auf,
aus dem gefallenen System herauszukommen14
und Ihm nachzufolgen, selbst wenn das bedeuten
müsste, ihre Familienbande hinter
sich zu lassen.15 Zusammen würden
sie eine „Stadt” auf dem Berg
bilden. Zusammen würden sie ein Licht
für die Welt um sie herum sein.16
Ihre „Städte” (Gemeinschaften)
würden Inseln der Zuflucht inmitten
einer Welt sein, die unter dem Bösen
versklavt ist17 – ein Vorgeschmack
der Fülle des Lebens im Königreich
des Messias, welches die Erde im nächsten
Zeitalter füllen wird, wenn Satan
gebunden ist.18 Diesen Vorgeschmack auf
das künftige Königreich kann
es jedoch nur geben, weil der Messias als
Sühneopfer für alle19 gestorben,
auferstanden und zu Seinem Vater im Himmel
aufgefahren ist. Auf diese Weise nämlich
wurde Sein Geist freigesetzt, so dass Er
die ausharrenden Jünger erfüllen
und dazu befähigen konnte, alles zu
tun, was Er sie über das Königreich
Gottes gelehrt hatte.20 Es ist also kein
Zufall, dass sie - nachdem der Heilige
Geist auf sie ausgegossen worden war -
das Evangelium des Königreichs sogleich
mit Kühnheit verkündeten. 3000
Menschen folgten ihrem Ruf , „errettet
zu werden aus diesem „verkehrten
Geschlecht”, indem sie ihr altes
Leben gänzlich aufgaben, um von nun
an ein gemeinsames Leben zu führen.21
Dies war die normale und einzig adäquate
Antwort auf die Gute Nachricht des Mannes,
der für sie in den Tod gegangen war,
um sie aus den Klauen des Bösen und
seinem dunklen Reich zu erlösen. Ihr
gemeinsames Leben der Liebe und Einigkeit
war das Zeugnis vom Königreich22 — der
Beweis, dass Er tatsächlich mitten
unter ihnen herrschte.23
Die Barriere zwischen den Königreichen
In der Apostelgeschichte wird die
Entstehung des Gemeinschaftslebens
nur mit wenigen Sätzen beschrieben.
Was bedeutete die Umstellung auf die
neue Lebensweise konkret? Musste nicht
jeder der 3000 Männer, die dem
Ruf der Apostel gefolgt waren, seine
ganz persönlichen Hindernisse überwinden,
um das neue Leben in Gemeinschaft antreten
zu können? Man mache sich bewusst:
Sie hatten Ehefrauen und Kinder, Eltern
und Geschwister, Bauernhöfe und
Gewerbe, Angestellte, Besitz, Schulden – alles
Mögliche mag ihrer Entscheidung
entgegengestanden haben. Vermutlich
waren ihre Familien und Freunde nicht
gerade begeistert von dem Entschluss,
alles aufzugeben, um dem auferstandenen
Messias zu folgen, der nun in Seinem
Volk lebendig war. Es muss sie ihren
ganzen Mut gekostet haben, den empfangenen
Glauben unter allen Umständen
auch auszuleben.24
Die Barriere, welche die Menschen
im Reich der Dunkelheit gefangen hält,
ist - obwohl unsichtbar - genauso real
wie die Berliner Mauer. Anstatt aus Drähten
und Beton besteht sie aus Angst, Scham,
Unsicherheit, Schüchternheit, Gruppenzwang,
emotionalen Bindungen, Stolz und unzählbaren
weltlichen Verstrickungen. Wer es aber
wirklich satt hat, dem bösen Herrscher
dieser Welt zu dienen, und die Last seiner
eigenen Sünden nicht länger
zu tragen vermag und dann die Stimme
des Erretters durch Seine Diener hört
und von dem Licht angezogen wird, welches
von ihrem Lager ausgeht, wird sich unweigerlich
dieser Barriere gegenüber sehen.
Plötzlich stellen sich ihm alle
möglichen Hindernisse in den Weg:
ein unwilliger Ehepartner, rebellische
Kinder, finanzielle Verpflichtungen,
die Bitten, Versprechungen, Drohungen
und Warnungen von Familie und Freunden… Die
Fangarme des unsichtbaren Bereiches der
Finsternis werden durch alle möglichen
irdischen Versprechungen versuchen, diejenigen
in ihren Griff zu bekommen, die einen
Ausbruchsversuch wagen.
Das Blut des Sohnes Gottes würde
ausreichen, um das Lösegeld für
alle zu bezahlen. Nur: Nicht alle sind
willig, Seinen Willen zu tun.25 Nicht
bei jedem ist der Durst so groß,
dass er alle Hindernisse überwindet,
welche ihn davon abhalten, vom Wasser
des Lebens zu trinken:
Er sagte zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt. Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten: Ich werde Sein Gott sein, und Er wird mein Sohn sein. Aber die Feiglinge und die Treulosen, die Befleckten und Mörder und Unzüchtigen und Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod. (Offenbarung 21,6-8)
Diejenigen, die zu feige sind, die Hindernisse
zu überwinden, offenbaren damit,
dass sie ungläubig sind. Dadurch,
dass sie den jämmerlichen Komfort
ihrer Gefangenschaft vorziehen,26 verachten
sie das Blut, welches für sie vergossen
wurde. Sie machen sich daran mitschuldig
und fallen somit in die Kategorie der
schlimmsten Verbrecher.27
Am Eingang des Königreichs des Lichts
steht kein Kassiererhäuschen. Das
reichhaltige Leben des Sohnes Gottes
gibt es umsonst. Doch genauso wie jener
Tunnel unter der Berliner Mauer, ist
auch der Fluchtweg, welcher ins Königreich
führt, eng und beschwerlich und
nur wenige finden ihn überhaupt.28
Nichts aus dem alten Leben passt hindurch
und deshalb werden es auch nur diejenigen
hindurchschaffen, die ihr Leben in dieser
Welt hassen.29 Nur sie werden durch die
Gleichheit ihres Todes mit Seinem Tod
mit Ihm vereint sein und Ihm dort dienen,
wo Er ist.
Wenn wir nämlich Ihm gleich geworden sind in Seinem Tod, dann werden wir mit Ihm auch in Seiner Auferstehung vereinigt sein. Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
(Römer 6,5-7)
Fußnoten:
1 1. Johannes 5,19
2 Epheser 2,2
3 1. Mose 3,22
4 1. Mose 3,17-19
5 Offenbarung 12,9
6 Psalm 12,1
7 1. Johannes 2,16
8 Lukas 1,79
9 Matthäus 3,1-15
10 Erwähnungen in den Evangelien
vom „Evangelium
des Königreichs”, „Königreich
des Himmels” und „Königreich
Gottes” sind zu zahlreich, um sie hier
alle aufzuführen, und es ist geradezu
erstaunlich, dass das gefallene religiöse
System dieses Thema
heutzutage ganz und gar vermeidet.
11 Lukas 9,23-24
12 Matthäus 6,31-33
13 2. Timotheus 2,4
14 Johannes 15,19; 2. Korinther 6,14-18
15 Matthäus 10,34-39; Markus 10,29-30
16 Matthäus 5,14-16
Der Meister sprach sie gemeinsam an, nicht
als unabhängige, individuelle Menschen.
17 Philipper 2,15
18 Offenbarung 20,1-3
19 1. Timotheus 2,6
20 Matthäus
28,19-20; Apostelgeschichte 1,3; Johannes
14,26; 7,37-39
21 Apostelgeschichte 2,40-47
22 Matthäus
24,14
23 Selbst heutzutage wird dies an jedem
Ort, an dem Er wahrhaftig
zum Herrn gemacht wird, durch das gleiche
gemeinsame Leben bezeugt.
24 Matthäus
10,34-39
25 Johannes 7,17; Hebräer 5,9; Apostelg.
5,32
26 Lukas 6,24
27 Matthäus 11,23-24
28 Matthäus 7,13-14
29 Johannes 12,25-26
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