Die bevorzugte Religion
Die meisten Christen von heute ahnen gar nicht, dass die wesentlichen Grundzüge ihres Glaubens, ihrer Religionsausübung und -lehre auf den Zusammenschluss von Kirche und Staat[1] zurückgehen, derwährend der Herrschaft des römischen Kaisers Konstantin zu Stande kam. Das mag auf den ersten Blick nicht beunruhigend sein, aber Tatsache ist, dass sich dies auf der christlichen Glauben und die christliche Lebensweise erheblich ausgewirkt hat. Obwohl Christen in aller Welt nach den Worten Christi gelehrt werden, stammt ihr gegenwärtiger Einfluss, ihre Interpretation und Anwendung von den Schriften und Konzilien der frühen „Kirchenväter” des dritten und vierten Jahrhunderts. In dieser Zeit durchlief die Kirche die letzte Phase ihres Wandels von ihrer ursprünglichen in ihre gegenwärtige Form.[2]
Für „den Glauben“ kämpfen
Seit fast zwei Jahrhunderten erlebte die Kirche einen stetigen Niedergang ihres ursprünglichen, pulsierenden und gemeinschaftlichen Lebens, in dem die Liebe das verbindende Element ihres Lebens war.[3] Der Judasbrief drückt gegen Ende des ersten Jahrhunderts die Warnungen und Besorgnisse des Verfassers aus. Hier fordert er alle Kirchen dringend dazu auf, ernsthaft für den überlieferten Glauben zu kämpfen, der ihnen ein für allemal von den Aposteln überliefert worden war. Der Ausdruck „ein für allemal“ bedeutet, dass es kein anderes Fundament gab, auf dem man eine wahrhaftige Kirche gründen könnte.[4] Dieser Glaube, den die Apostel überliefert hatten, war ihr geistiges Fundament, das Ergebnis des Evangeliums, das sie empfangen hatten. Der Glaube drückte sich durch das sichtbare und greifbare Leben aus, das sie miteinander führten. Sie lebten zusammen und teilten ihren Besitz.
Judas bezeichnet ihr neues Leben „ihre gemeinsame Rettung“, an der alle Kirchen überall festhielten, da sie von den Aposteln gegründet worden waren. Judas 1,4 berichtet davon, dass dieses Leben bedroht, angegriffen und schließlich durch die Abtrünnigen zerstört wurde[5] - durch jene, die abgefallen waren, nicht mehr in Gemeinschaft mit den ursprünglichen Aposteln waren und sich nicht mehr ihrer Lehre hingaben.[6] Petrus selbst sagt, dass diese abtrünnigen „Brüder“ diejenigen waren, die das Evangelium verbogen und verdreht[7] haben. Letztendlich würde es gemäß ihren Taten zu ihrem Verderben führen.[8]
„Denn es haben sich einige Leute eingeschlichen, die schon seit langem für das Gericht vorgemerkt sind: gottlose Menschen, die die Gnade unseres Gottes dazu missbrauchen, ein zügelloses Leben zu führen, und die Jesus Christus, unseren einzigen Herrscher und Herrn, verleugnen... Sie sind Nörgler, immer unzufrieden mit ihrem Geschick; sie lassen sich von ihren Begierden leiten; sie nehmen große Worte in den Mund und schmeicheln den Menschen aus Eigennutz.“
(Judas 1,4.16)
Der zweite Brief an die Korinther drückt auch die Besorgnis von Paulus über den drohenden Verlust der ursprünglichen Aufrichtigkeit und Reinheit des Glaubens aus, den er ihnen verkündet hatte. Durch List und Tücke verdrehten die Abtrünnigen die Schrift, sogar das Evangelium des Herrn, so wie es die Apostel gelehrt hatten. Sie lehnten die Autorität der Apostel ab und versuchten, sich selbst in den Vordergrund zu stellen, als wären sie die wichtigsten unter ihren Brüdern.[9]
„Ihr nehmt es ja offenbar hin, wenn irgendeiner daherkommt und einen anderen Jesus verkündigt, als wir verkündigt haben, wenn ihr einen anderen Geist empfangt, als ihr empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, als ihr angenommen habt... Denn diese Leute sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts. Es ist also nicht erstaunlich, wenn sich auch seine Handlanger als Diener der Gerechtigkeit tarnen. Ihr Ende wird ihren Taten entsprechen.“
(2. Korinther 11,4; 13-15)
Die Briefe der Apostel stimmen in der Beschreibung dieser trügerischen Abtrünnigen (selbsternannte Apostel) überein. Sie hielten an einer Form von Frömmigkeit fest, hatten aber weder Offenbarung noch die Kraft des Heiligen Geistes. Sie waren natürliche und nicht geistliche Menschen. Wie Tiere ohne jeglichen Verstand fielen sie über die Schafe her und stifteten Verwirrung und Zerteilung in der Kirche und der Führerschaft. Sie kannten die Bedrängnisse, denen die jeweiligen Kirchen an ihren Orten ausgesetzt waren. Sie machten sich dies zu Nutze, um eine empfängliche Zuhörerschaft für sich zu gewinnen.
Fast
unmerklich, getrieben von Ehrgeiz und
ihren selbstsüchtigen Begierden, erlangten
diese Lügenapostel die Oberhand. Sie
trachteten nicht nach dem Wohl der
Schafe oder der Herde. Es ging ihnen
um ihren eigenen Ruf, ihren eigenen
Namen und ihre eigene Herrlichkeit.[10] Die
Liebe, die das gemeinschaftliche Leben
der Kirche ursprünglich zu Stande gebracht
hatte, war nun nicht mehr der Maßstab,
nach dem das aufrichtige Bekenntnis
eines wahren Gläubigen beurteilt werden
konnte. Es war daher nicht verwunderlich,
dass die „betrügerischen Arbeiter”[11] durch
ihr Wort und ihre Überzeugungskraft
in der Lage waren, den Verstand des
gefallenen Überrestes der Kirche zu
fesseln. Das Gemeinschaftsleben war
nun nicht mehr der Lackmus-Test, nach
dem die Echtheit des Glaubens beurteilt
werden konnte; stattdessen wurde die
Lehre zum Maßstab wahren „Glaubens“ erhoben.
Ihr Evangelium erforderte nur eine
verstandesmäßige Zustimmung und brachte
eine leblose Religion hervor, in der
es um „Glauben“ alleine ging. Deshalb
war die Kirche am Ende des dritten
Jahrhunderts für eine neue Ära bereit.
Sie war durch streitende Bischöfe und
ein gefügiges Laientum zersplittert.
Ein verhängnisvoller Wandel: Kaiser Konstantin
Einige Historiker sind der Meinung, dass diese neue Ära einen verhängnisvollen Wandel zum Abschluss brachte, von dem die Kirche nie wieder zu ihrem ursprünglichen judäischen Modell zurückkehren würde.[12] Das Gemeinschaftsleben, das sich schon lange aufgelöst hatte,[13] war die einzige Art und Weise, wie die ersten Jünger ihre “gemeinsame Errettung” miteinander teilen konnten. Die ursprüngliche Struktur und das geistliche Fundament war ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Doch die Kirche entfernte sich bis zum vierten Jahrhundert völlig von dem ursprünglichen Modell, das in der Apostelgeschichte 2,41-47 und 4,32-37 eindeutig beschrieben und in allen Briefen vorausgesetzt wurde.[14]
Nach einer langen Zeit der Verfolgung, von geistlichem Niedergang und andauernden inneren Reibereien köderte Konstantin die bereits geschwächte Kirche. Durch andauernde Unruhen und Chaos aller Art in der Bevölkerung war die römische Welt im zweiten und dritten Jahrhundert schon längst zerteilt. Konstantin suchte nach einer Lösung, um das auseinanderfallende Reich zu vereinigen. Die Kirchen der westlichen und östlichen Provinzen litten zur gleichen Zeit fürchterlich unter den Strapazen des Reiches und den andauernden Einflüssen der Abtrünnigen. Eine mehr als 200 Jahre andauernde innere Unstimmigkeit und Verfolgungen von außen lieferten die Kirche fortwährend Kompromissen und Heucheleien aus.
Zu Beginn des vierten Jahrhunderts entschloss sich Konstantin, sich selbst und seine eigenen Provinzen gegen die Bedrohung und Herausforderung anderer römischer Herrscher und Plünderer zu schützen, die um die Macht im geschwächten Reich kämpften. Er zog gegen Maxentius’ Armeen in den Krieg, um seine eigenen Gebiete zu sichern. Historische Überlieferungen besagen, dass Konstantin, als er sich Rom näherte, eine Vision hatte, in der er seinen Widersacher unter dem Zeichen des Kreuzes Christi besiegte. Als sie in den Kampf zogen, befahl er, dieses Zeichen auf die Schilder seiner Soldaten (von denen die meisten Heiden waren) anbringen zu lassen. Obwohl ihm Maxentius’ Heer zahlenmäßig haushoch überlegen war, errang Konstantin den Sieg, was als Wunder gedeutet wurde. Von diesem Zeitpunkt an wirkte Konstantin ohne Unterlass darauf hin, die zerteilte Kirche zu vereinigen und sie in eine enge Beziehung mit dem römischen Staat zu bringen. Dieser Zusammenschluss von Kirche und Staat war der Wegbereiter für die Entwicklung des Christentums während der nächsten 1700 Jahre.
Konstantins Feldzug
Konstantin ergriff die Gelegenheit und manipulierte die Kirche und ihre Führer mit schmeichelnden Worten und verleitete sie zu einer Beziehung mit dem Staat. von der es kein Zurück gab. Öffentlich erkannte er den Christengott für seinen Sieg an und glaubte, dass der gleiche Gott von jetzt an das römische Reich vor Schaden bewahren würde. Und solange die Kaiser Gott und die Kirche verehrten, würden beide mit dem Staat verbunden und dem Reich treu ergeben sein. Getragen von der Hoffnung auf ein Ende der Verfolgungen und eine Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen, schluckten die Kirchenführer im vierten Jahrhundert den Köder mitsamt dem Haken.
Konstantin berief eine Reihe von Kirchenkonzilien ein, um die streitenden Bischöfe zu vereinigen. Er befahl ihnen nicht nur zu kommen, sondern bezahlte sogar ihre Auslagen und stellte Reisemittel bereit. Während Konstantin noch immer als Haupt der staatlichen heidnischen Religion fungierte, hatte er den Vorsitz über ihre Konzilien inne und setzte ihre Entscheidungen um. Diese Konzilien und die daraus entstandenen Glaubensbekenntnisse werden in der Christenheit aufs Höchste geachtet. Seither bilden sie die Grundlage, um zu identifizieren, was christlicher Glaube, christliche Gebräuche und Lehren sind und was nicht. Sie sind seitdem die Grundlage christlichen Glaubens und christlicher Orthodoxie.
Nach fast drei Jahrhunderten andauernde Kampfes fielen die Mauern der Kirche (bildlich gesprochen: die Mauern, die Kirche und Staat voneinander trennten) in sich zusammen. Dies vollendete ihre Verwandlung.[15] Konstantin gab Christen wichtige Staatsposten und scharte christliche Berater um sich. Schließlich hob die christliche Lebensweise das Niveau der römischen Gesellschaft, zumindest ethisch und moralisch. Bald ließ Konstantin sogar christliche Bischöfe seine Truppen ins Feld begleiten, um sich der Gunst Gottes gewiss zu sein und die Moral seiner Heere zu stärken. Er baute prächtige Kathedralen und römische Gebäude zu Ehren des Christengottes und begann den Kirchenführern Gehälter aus der Staatskasse zu zahlen. Er erließ Gesetze zugunsten der Kirche und verlangte im Gegenzug Dienste für den Staat. Er glaubte, dass eine vereinte und ergebene Kirche Gottes Segen für das ganze Reich sicherstellen würde.
Die christliche Religion wurde die bevorzugte Religion der Statthalter und Kaiser. Der Hauptgrund dafür beruhte auf dem Umstand, dass Christen an fast allem vorbehaltlos teilnehmen konnten, woran jeder Durchschnittsbürger des Reiches auch teilnahm. Wegen ihrer fügsamen und kompromissbereiten Natur zog sich Konstantin mit dem Christentum seine „Lieblingsreligion“ heran. Während die Kirche in der Vergangenheit wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber den Sünden des Reiches Verfolgungen erlitten hatte, wurde sie jetzt akzeptiert. Denn sowohl die Kirche als auch das Reich hatten ein neues Kapitel in ihrer Entwicklung aufgeschlagen.
Die Unterscheidung zwischen Christen und Nichtchristen wurde verwischt und immer mehr Heiden wurden zu „Gläubigen”. Das Christentum wurde zur bevorzugten Religion, da sie größere Aussichten auf weltlichen Erfolg und Wohlstand versprach. Die Kirchenführer lehrten Unterordnung gegenüber der Obrigkeit, was die Beziehung zwischen der Kirche und den römischen Oberherren stärkte. Die Christen gewannen Respekt und Bewunderung, während sie zuvor verachtet und unehrenhaft behandelt worden waren. Sie waren im Allgemeinen verantwortungs- und pflichtbewusst, und ihr Glaube erwies sich in keinster Weise als problematisch. Sie integrierten sich in die Gesellschaft und ihr Glaube und ihre Gebräuche führten nicht zum Aufruhr oder zu einer Störung des Friedens in der Regierung oder im Land.
Somit erklärte Konstantin das Christentum zur bevorzugten Religion in der römischen Welt. Konstantin, der als Erlöser der Kirche bejubelt wird, wurde damals -wie auch heute- noch als Retter angesehen, der die Stellung der Kirche in der Welt auf Jahrhunderte hinaus sicherte. Der Großteil der heutigen christlichen Welt ist zufrieden mit der Glaubenslehre, die das geistliche Erbe einer staatlich anerkannten römischen Religion ist. Sie hinterfragen nie ernsthaft die Wurzeln ihrer christlichen Religion oder das Fundament des Evangeliums, das sie empfangen haben. Das Erbe Konstantins ist eine Kirche, die eins mit der Welt ist, aus der sie eigentlich andere herausrufen sollte. Dieses Vermächtnis besteht noch heute.
Sind diese enge Zusammenarbeit und der Kompromiss mit einer weltlichen Macht nun ein guter Baum, von dem man Früchte ernten kann? Der Sohn Gottes sagte, dass man einen Baum an seinen Früchten erkennt.[16] Er sagte, dass man Seine Jünger an ihrer Liebe erkennen würde.[17] Ein „Wächter” moderner Glaubensabweichler und Verfechter historischer Glaubensbekenntnisse schrieb einmal: „Die biblische Liebe ist das Kennzeichen eines wirklich lebendigen christlichen Zeugnisses. Die Liebe ist jedoch immer die Gehilfin einer gesunden Lehre und nicht umgekehrt.” Die Ströme vom Blut all derer, die sich dieser begünstigten Religion jahrhundertelang widersetzten und die unzähligen Spaltungen (in Folge innerer Machtkämpfe und Streitigkeiten) legen die Vermutung nahe, dass sich die Gehilfin schon lange verabschiedet hat...
[1]Ein Ergebnis des Mailänder
Toleranzediktes vom Jahre 313.
[2]Wandel, Übergang,
Wechsel: ein Prozess oder ein Zeitabschnitt,
in dem etwas einem Wechsel unterzogen
ist und von einer Form, Stadium oder
Aktivität in eine andere übergeht.
[3]Johannes
13,34-35
[4]1. Korinther 3,9-11; Epheser
2,20-22; 1. Korinther 12,12
[5]Abtrünnige:
jene, die abgewichen sind von der Lehre
und der Gemeinschaft mit den Aposteln;
man wahrt den Anschein, ist vom Glauben
aber schon abgewichen.
[6]1.
Johannes 1,3; 2,19.20 und 27; Judas 1,17-19
[7]verdrehen:
etwas verwickeln oder verschlingen.
[8]2.
Petrus 2,1-3, 19; 3,16; 2. Korinther
11,15; 1. Johannes 1,3; 2,19
[9]2.
Petrus 2,10; Judas 1,8; 3. Johannes 1,9-10
[10]Johannes
7,17-18; Judas 1,8,12,13,17-18
[11]2.Korinther
11,13
[12]“In den Jahren 100
bis 500 n. Chr. hat sich die christliche
Kirche in fast unvorstellbarem Ausmaß verändert… Zu
Anfang war die Organisation der Kirche
noch flüssig… das Glaubensbekenntnis
musste nicht rezitiert werden, es gab
keine festen Formen des Gottesdienstes… Bereits
um 500 war der gesamte kirchliche Gottesdienst
liturgisch mit festgelegten Gebeten und
Gebetsinhalten …“ (Tony Lane, The Lion Book
of Christian Thought, Lion Publishing
Company, Batavia, Illinois, 1984, p.
8).
[13]auflösen:
1. allmählich verschwinden; etwas dazu
bringen, allmählich zu verschwinden;
2. sich in Nichts auflösen; etwas in
mehrere kleine Teile aufbrechen; 3. eine
Beziehung legal zu Ende bringen, z.B.
eine Geschäftsbeziehung, eine Ehe.
[14]1.Thessalonicher
2,14
[15]Verwandlung: 1. eine
völlige Umwandlung, 2. die dauerhafte
Veränderung der Genetik einer Zelle,
wenn sie fremde DNA annimmt.
[16]Matthäus
7,20
[17]Johannes
13,35
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