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Wollen Sie absolut eine heile Welt zerstören?
Als evangelischer Christ lerne ich gerne auch andere Glaubensgemeinschaften kennen und nahm so auch Kontakt mit den 12 Stämmen auf. Zum ersten Mal war ich dort, als sie sich gegen 18 Uhr in ihrem Areal zu einem Abendkreis versammelten, von der Oma bis zum Baby. Ich erlebte es in einer Gelassenheit und Fröhlichkeit, wie ein Stück heile Welt, wo sonst bei uns oft so viel Stress und Hetze unser Leben bestimmen. Und nun geht es um die schlimmen Schulgerüchte. Sie wissen doch aus der Presse, dass dort ihre Kinder von eigenen Leuten unterrichtet werden, es sind also absolut keine Schulschwänzer. Von ihrem Selbstverständnis und ihrer Glaubensüberzeugung verstehe ich ihre Haltung und unterstütze ihre Einstellung. Nun haben sie Bußgeldbescheide in Höhe von 150.000 Euro im Rücken, und weil sie dies natürlich nicht bezahlen können (zumal sie Gütergemeinschaft haben nach Apostelgeschichte 4, ab Vers 32), steht für 14 Väter und Mütter Erzwingungshaft an. Mitte Oktober soll damit begonnen werden. Allerdings ist unsere Rechtsprechung so „human“, dass „nicht beide Eltern in Haft zu nehmen sind“, wenn kleine Kinder da sind. Die Glaubensgemeinschaft lebte früher bei Stödtlein in Baden-Württemberg und neben anderen weltweit gab es eine solche auch in Niedersachsen. Dort war und ist es möglich, sogar mit staatlicher Unterstützung und Duldung, die Kinder selbst zu unterrichten und sie konnten als geachtete Bürger in Frieden und Ruhe leben. Sollte das im rabenschwarzen Bayern nicht auch möglich sein? Leben und leben lassen ist doch die Devise unserer so liberalen Zeit. Das ganze riecht ja fast nach Kulturkampf. War überhaupt schon einmal jemand von der Schulbehörde dort, um sich vorurteilsfrei zu informieren? Ich war an einem Vormittag dort und wohnte dem Schulunterricht bei. Zuerst kommen alle Schüler und Betreuer zu einem Morgenkreis zusammen. Da wird gesungen und musiziert. Jeder Schüler lernt ein Instrument, von Flöte über Geige und Gitarre bis zu Ziehharmonika. Dann wird über ein ethisches oder religiöses Thema gesprochen. Es ging um das Gewissen. Mit Schwung sangen sie mir dann ein Lied in Englisch vor. Die meisten bringen Englischkenntnisse aus ihren Familien mit. Sie wachsen sozusagen zweisprachig auf. Wie modern! Nach einer halben Stunde gehen die „Klassen“, es sind Kleingruppen, in ihre Schulräume, nach Jungen und Mädchen getrennt. Das schließt einfach manche Konfliktsituation aus. Es sind vielmehr Begabungsgruppen, nach unten und oben offen. Das finde ich gut. Die Jungen hatten das Thema Erntedankfest, fächerübergreifend, und fertigen gerade eine schöne Collage. Sie lasen dann etwas vor und es hat nicht den Anschein, dass sie einmal zu den Milllionen Analphabeten gehören werden, von denen in der Presse immer wieder berichtet wird. Bei allen Gruppen war eine Ruhe und ein gutes Schulklima, kein Stress und keine Unruhe. Der Herr, der mich begleitete und die großen Mädchen unterrichtet, sagte ihnen, er würde mich begleiten, sie sollen sich eine Arbeit hernehmen. Als wir kamen, saßen sie diszipliniert über einer schriftlichen Arbeit. Sie lernen auch Maschinenschreiben. Ihr Betreuer besorgt sich die Unterlagen, damit sie die Hauptschulprüfung ablegen können. Nachmittags ist auch Unterricht und Hausaufgabenbetreuung. Dafür beginnt vormittags die Schule erst um 9.00 Uhr. Es gibt also sozusagen die Ganztagsschule. Was wollen Sie eigentlich mehr? Soweit mir bekannt ist, sind die Klassen in der Deiniger Schule gut gefüllt. D.h., wenn die von Klosterzimmern dabei wären, müsste vielleicht geteilt werden. So müssten zusätzliche Lehrkräfte und Unterrichtsräume vorhanden sein. Außerdem wären diese Schüler ein totaler Fremdkörper. Sie wissen doch alle, wie grausam Kinder sein können. Die Klosterzimmerer tragen ganz einfache Kleidung, die Jungen haben eine besondere Haartracht und auch ihr positives Verhalten würde Anstoß erregen. Mobbing vom Anfang bis zum Ende. Alle Lernziele nach dem Lehrplan können zwar nicht erreicht werden. Etwa in Physik und Chemiekönnen können eben weniger Versuche gemacht werden. Aber was solls? Als 20 jähriger Schulhelfer stand ich kurz nach dem Krieg vor dem gleichen Problem mit einer Abschlussklasse. Doch viele meiner Schüler haben trotzdem einen guten Weg gemacht. In meiner Biographie „Erinnerungen eines alten Mannes“ können sie darüber nachlesen. In Geschichte waren keine großen Kenntnisse vorhanden. Vorrang wird der biblischen Geschichte eingeräumt, und das bringt wohl auch mehr fürs Leben. Aber wer gelernt hat, wie man lernt, selbständig, in einem sozialen Umfeld, kommt oft weiter als solche, die mit Wissen voll gestopft sind, von dem man sowieso das meiste wieder vergisst. Und wer Herzensbildung hat und erzogen wird, sein Leben nach Gottes Geboten auszurichten, ist allemal für sein Leben am besten gerüstet. Wenn die Leute aus der Erzwingungshaft kommen, ändert das ihre Einstellung nicht. Dann beginnt das Katz und Maus Spiel aufs Neue. Das ist doch eines demokratischen Staates nicht würdig. Außerdem, meine ich, hätten Polizei und Justiz doch wichtigeres zu tun, als mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Auf die Dauer zermürbt das die Leute dort und vielleicht ist das auch dass Ziel der ganzen Aktionen. Mir wurde gesagt: Wenn das so weitergeht, wandern wir aus. In vielen Ländern hätten wir unsere Ruhe. Das wäre wahrscheinlich ein Treppenwitz der Geschichte. In finsteren Zeiten der Religionskriege suchten etwa Salzburger und Hugenotten Zuflucht in Deutschland. Und jetzt, in der aufgeklärten und toleranten Neuzeit, müssen Menschen aus Glaubensgründen im katholischen Österreich Schutz suchen. Deshalb bitte ich alle, die in dieser Angelegenheit Verantwortung tragen, einen gangbaren Weg zu finden, ohne dass sie dabei das Gesicht verlieren müssen. Oder soll Bayern zum Spott in der Bundesrepublik werden? Mit einem Bibelwort möchte ich schließen: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. (2. Kor. 3,6)
Mit freundlichem Gruß
Fritz Schwarz Baldinger Straße 34 86720 Nördlingen Schulleiter und Sonderschulleiter, i.R.
(ca. 20 Jahre an Sonderschulen von Kinderheimen)
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