[Home] [Zurück zu Kontroversen-Menü]
Glaubensgemeinschaft unterrichtet Kinder zu Hause
Fränkische Nachrichten 4.Januar
Von Cordula Röhmel, dpa
Klosterzimmern ‑ Eigentlich sieht es aus wie
in vielen anderen Klassenzimmern: Bunte selbstgemalte Bilder an den Wänden, in
einem Regal Scheren und Buntpapierreste. Die Kinder sitzen auf kleinen Stühlen,
stützen sich auf ihre Holzbänke mit Blick auf die Tafel. Eine kleine, aber
sonst ganz normale Schule, so scheint es auf den ersten Blick. Dennoch sorgt
der Unterrichtsbetrieb für Wirbel: Das Landratsamt in Donauwörth und das
Bayerische Kultusministerium wollen nicht zulassen, dass die
Glaubensgemeinschaft der Zwölf Stämme dort in Eigenregie unterrichtet ‑
ohne staatlich examinierte Lehrer an einer nicht genehmigten Schule.
Im vergangenen Sommer zogen mehrere Familien der
«Zwölf Stämme» aus Baden‑Württemberg und Niedersachsen in das rund 18
Hektar große ehemalige Zisterzienser‑Kloster bei Deiningen. Mit viel Mühe
fingen sie an, die heruntergekommenen Wirtschafts‑ und Wohngebäude wieder
herzurichten. Bald sollen Schafe und Ziegen auf den Weiden grasen, Salat und
Grünkohl aus dem Acker sprießen und Hühner im Sand scharren. Auch eine eigene
Bäckerei plant die Gemeinschaft, die ihre Möbel überwiegend selbst in einer
eigenen Schreinerei zimmert.
Bislang konnte sich die Gemeinschaft erfolgreich
gegen die Schulpflicht wehren, Weder Verwaltungsakte noch die Androhung von
Zwangsgeld bewegte sie dazu, die Kinder in eine Schule anzumelden. Sie sehen
die Schulpflicht als Ausbildungsgarantie für Schulschwänzer und nicht für
Kinder, die ihrer Ansicht nach zu Hause gewissenhaft und regelmäßig
unterrichtet werden.
Doch das Kultusministerium in München lehnt diese
Interpretation ab. «Man kann nicht einfach sagen: Ich betreibe eine Schule»,
sagt Pressesprecherin Brigitte Waltenberger‑Klimesch. Fünf Kinder im
Hauptschulalter und sieben Grundschulkinder müssten nach Ansicht der Behörden
eine reguläre Schule besuchen. «Wir haben keinen Kontrollwahn», erklärt
Waltenberger‑Klimesch. Aber nur durch die staatliche Genehmigung seien
gewisse Mindeststandards gewährleistet, etwa für das pädagogische Konzept, die
Schulräume und die Ausbildung der Lehrer.
Die «Zwölf Stämme» wollen ihren Kindern Tugenden wie
Freundschaft, Zuverlässigkeit, Fleiß und Liebe beibringen. Dass diesen Auftrag
auch normale Schulen haben, ändert nichts für sie: «Wir wollen unsere Kinder
nach biblischen Grundsätzen erziehen, was staatliche Schulen nicht so
vermitteln», begründet Holger Röhrs, der auch unterrichtet. Vorbild der «Zwölf
Stämme» sind die Urchristen vor rund 2 000 Jahren, weshalb viele Kinder
hebräische Namen tragen wie «Chassida» oder «Bekora» und ihre Mutter «Imma»
rufen.
Bundesländern
in Bayern zu Hause unterrichten darf. «Kleine Kinder sind sehr beeinflussbar»,
meint Röhrs. Kein Fernseher flimmert abends in den Wohnzimmern. Auch andere
Konsumvergnügen wie Kinobesuche sind die Ausnahme. Stattdessen sollen die
Kinder selber malen, singen oder Theater spielen. Neben Englisch, Deutsch und
Mathe stehen auch Ethik und Charakterbildung auf dem Stundenplan. Und Freitags
ist schulfrei, denn dann ist für sie der «Rüsttag» für den Samstag, den Sabbat.
Das Kultusministerium ist überzeugt, dass es auch
für derartige ausgefallene Ansprüche die richtige Schule gibt. «Bayern hat eine
vielfältige Schullandschaft», sagt Waltenberger‑Klimesch. «Da ist es
nicht einzusehen, dass es Kinder geben soll, für die kein Angebot da sein
soll> Derzeit arbeitet das Ministerium an einer Stellungnahme von
Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU), um die sie das Landratsamt gebeten hat.
Denn bislang schreckt das Landratsamt vor der letzten Zwangsmöglichkeit zurück:
Die Kinder jeden Morgen mit Polizeigewalt in die Schule zu bringen.
[Home] [weitere Artikel]