Die Stachelschweine
Die Stachelschweine lebten zufrieden in einem immergrünen Wald. Tagein tagaus aßen sie die Rinde von verschiedenen Bäumen. Es war so wunderschön in diesem Wald und die Stachelschweine hatten keinen Grund sich zu beklagen. Sie gingen alle ihrer Wege und füllten ihre weichen Bäuche mit dem, was ihnen zwischen die Zähne kam.
Aber eines Tages rochen sie den Winter in der Luft. Vergangen war der müßige Duft des Herbst. Stattdessen raschelte ein scharfer, kühler Wind die Tannennadeln. Das Thermometer sank und der Schnee fiel und die Stachelschweine begannen zu frieren. Instinktiv suchten sie einander näher zu kommen. Ihre plumpen Nasen schnupperten in der beißenden Kälte.
Langsam versammelten sie sich, einer nach dem anderen in ihrer verzweifelten Suche nach Wärme. Sie fanden eine lange, niedrige Höhle und drängelten hinein. Aber obwohl sie alle zusammen waren, konnten sie dennoch die ungemütliche Winterluft spüren. Wie die Sardinen krochen sie zusammen, weil sie sich nach der Gemütlichkeit von gegenseitiger Nähe und Wärme sehnten. Aber je näher sie einander kamen, desto lauter wurden die kleinen Schmerzensschreie der Stachelschweine.
Ganz betrübt zogen sie sich zum Rand der Höhle hin zurück und verstanden überhaupt nicht, was geschehen war. Aber da es immer noch kalt in ihrer Höhle war, rückten sie doch wieder näher zusammen.
Sobald sie einander aber wieder näher kamen und es ihnen endlich wärmer wurde, begannen wieder die Schmerzensschreie und sie mussten sich abermals
zurückziehen. Immer wieder wiederholte sich dieses Hin und Her, einerseits waren sie getrieben vom Schmerz der Kälte und Einsamkeit andererseits stießen sie einander mit den Stacheln, sobald sie einander zu nahe kamen.
Nach einiger Zeit fanden sie eine Lösung: Sie beschlossen, so nahe wie möglich zusammen zu rücken und doch eine Distanz zu bewahren, um zu vermeiden einander zu verletzen.
So ist es mit unserer heutigen Gesellschaft. Die Menschen bilden eine Gesellschaftsform, in der sie der Leere und Eintönigkeit eines egoistischen Daseins entfliehen. Aber gleichzeitig ziehen sie sich aufgrund ihrer abstoßenden Eigenschaften, Fehlern und unerträglichen Schwächen von einander zurück. Also hat man gutes Benehmen und Verhaltensweisen entwickelt, mit denen man eine “gesunde” Distanz behält, durch die man aber dennoch die Annehmlichkeit der Gegenwart seiner Mitmenschen finden kann.
In unserer heutigen Zeit durchschauen jedoch viele diese sterilen, heuchlerischen Bräuche der Gesellschaft. Sie fragen sich: Warum sollen wir so verklemmt sein? Warum sollen wir nach diesen altmodischen Verhaltensregeln leben? Können wir einander nicht lieben? Können wir nicht warm und freundlich sein? Es gibt einen Grund dafür, dass die Generationen vor uns diese Mauern um sich gebaut hatten – sie besaßen nicht die Kraft einander zu lieben. Und wie steht es mit unserer Generation? Wir dagegen haben gelernt alle zu tolerieren, „offen“ zu sein, und dennoch genug Raum für uns selbst zu behalten. Ist das Liebe? Oder ist das nicht die inoffizielle Version der Bräuche unserer Eltern? Wer sind die größeren Heuchler? Die, die vorgeben normal zu sein, oder die, die vorgeben zu lieben?
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