Wohin mein Herz mich trägt...
Schon als Kind schien ich nicht den richtigen Platz in meiner Familie zu finden und rebellierte gegen meine Eltern. Irgendeine tiefe Unzufriedenheit brodelte in mir. Ich wuchs in Ostdeutschland auf und erlebte mit dreizehn Jahren die Wende, eine Phase der Unsicherheit, nicht nur für junge Menschen, in der sich ein extremer Wertewandel vollzog. Obwohl meine Eltern das Beste für mich und meinen Bruder wollten, wussten sie nun auch nicht mehr viel zu sagen, um uns auf das Erwachsensein vorzubereiten, außer: „Ihr habt doch jetzt die große Freiheit; euch stehen alle Türen offen.”
Hineinkatapultiert in eine völlig neue Gesellschaft fühlte ich mich als Jugendliche orientierungslos. Meine Sympathie war mit der linken Antiszene und ich drückte meinen Missmut und das Gefühl nicht in diese Ordnung zu passen aus. So umgab ich mich mit einer harten Schale und nahm auch Alkohol und Marihuana zu mir. In mir wuchs der Traum einer neuen Erde, irgendwie muss alles ein Ende haben so wie auch eines
Tages plötzlich die Mauer fiel. Warum gibt es arm und reich? Wo ist der Platz, andem sich alle Menschen verstehen? Als ich zwanzig Jahre alt war, schnürte sich mir der Hals ab. Gerade noch den Eltern zuliebe schloss ich eine Ausbildung ab.
Ich suchte nach Leben im “anders sein”. Mit dem Gefühl, das mit mir irgendetwas nicht stimmte, entschied ich auf die Suche nach dem richtigen Leben zu gehen. Wo war der Platz, wo sich Menschen wirklich lieben konnten? Um auf diese Reise zu gehen, fasste ich Mut, löste mein Zimmer in einer Wohngemeinschaft auf, trennte mich von Gewohnheiten und Freunden und zog mit etwas Erspartem in der Tasche per Anhalter los. Trampend zwischen Europa und dem Nahen Osten unterwegs traf ich auf die Regenbogenfamilie. Angezogen von der ungehinderten freizügigen Art dieser Hippies hoffte ich Freunde zu finden, die wie ich keinen Frieden gefunden hatten in den Wegen der westlichen Konsumgesellschaft.
Plötzlich sah ich einen Weg aus meinem inneren Gefängnis zu entkommen, weil ich mich doch oft einsam fühlte und unfähig war, Beziehungen zu knüpfen. Wir versammelten uns auf Bergen und in Wäldern und versuchten das ursprünglich Göttliche im Menschen durch die Verbundenheit mit der Natur wiederzufinden. Die verschiedensten spirituellen Techniken sollten uns dabei helfen. So reiste ich bis nach Indien, um mehr von den spirituellen Traditionen des Landes zu erfahren, von denen ich mehr und mehr inspiriert war. Während meiner Reisen fühlte ich mich oft beschützt und wollte mich diesem Gott, der mich geschaffen hat und leitete, mehr anvertrauen. Wir sprachen von Liebe, Frieden und dem Weg in eine ganz neue Gesellschaft. In mir vertieften sich Fragen über den Lebenssinn. Was ist meine Aufgabe auf diesem Planeten? Wer führt meinen Weg und wohin? Wie können Männer und Frauen in guter Weise zusammenleben und wie sollen Kinder aufwachsen?
Allmählich wurde ich jedoch zur Landstreicherin und lebte heute hier und morgen dort. Denn so flüchtig wie der Regenbogen am Himmel ist, waren unsere Beziehungen oft nur oberflächlich und von kurzer Dauer. Die ersehnte Gemeinschaft funktionierte nur für kurze Zeit, bis jeder wieder seines Weges ging.
Nachdem ich das Wandern nach 5 Jahren als Herumirren empfand und mir immer nutzloser vorkam, suchte ich einen Platz, wo ich arbeiten konnte. So kam ich zurück nach Deutschland und arbeitete in einem Meditationszentrum. Nach und nach integrierte ich mich wieder in die moderne Gesellschaft, arbeitete in einem Waldkindergarten und fand einen kleinen Bauernhof, auf dem ich gegen Mithilfe leben konnte. Letztendlich fing ich doch noch an zu studieren, was meine Eltern sehr erfreute. Meine Freundin, lebte ganz in der Nähe. Sie hatte inzwischen Kinder bekommen und zog sie allein erziehend auf, wie die meisten meiner Freundinnen. Zusammen mit meinen Freunden träumten wir davon, einen Platz zu finden, an den wir verlorenen Seelen passen würden. Wir diskutierten verschiedene Lebensformen, besichtigten Gemeinschaften und geeignete Gebäude und suchten Gleichgesinnte, aber nichts berührte unsere Herzen so tief, dass wir es tatsächlich gewagt hätten alles zu teilen, zusammen zu bleiben und einander zu vertrauen. Irgendwann zerstreute sich wieder alles und schien nichts außer utopischer Träumereien gewesen zu sein.
Auf einem Treffen verschiedener Gemeinschaften, traf ich dann Menschen, die mich wirklich beeindruckten in ihrer Sanftmütigkeit, und die irgendwie auf besondere Art und Weise miteinander verbunden waren. Immer wieder besuchte ich die Gemeinschaft, um das Geheimnis ihrer Liebe und Verbundenheit kennen zu lernen. Als ich sah mit welcher Liebe und Hingabe sie täglich einander dienten, erkannte ich, dass mein bisheriges Leben voller egoistischer und selbstsüchtiger Bestrebungen war. Jetzt verstehe ich, dass nicht nur unser Schöpfer für uns da ist, sondern auch wir ihm unser Leben zurückgeben können. Indem wir täglich füreinander sorgen, zusammen arbeiten, tanzen und singen drücken wir seine Liebe aus. Um mit unserem Schöpfer verbunden zu sein, müssen wir miteinander verbunden sein. Er braucht Menschen um seine Herrlichkeit auf der Erde zu demonstrieren. Ein neues Königreich des Friedens kann sichtbar werden, wenn Kinder wieder mit ihren Eltern verbunden sind und Menschen wirklich Freunde bleiben und nicht mehr aufhören einander zu lieben. Denn, andere mehr als sich selbst zu lieben, bringt wirkliche Freiheit im tiefsten Inneren. Wir sind alle gerufen unsere alten Wege zu verlassen, um uns dem anzuvertrauen, der dieses Zusammenleben möglich macht. Ich bin froh, dass ich diesen Ruf in meinem Herzen hören konnte und dass ich ihm folgen kann.
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