Jeder, dessen Geist Gott erweckte
Es gibt für einen wahren Gläubigen wohl kaum etwas Aufregenderes, als durch die Schrift Rückblick zu nehmen und zu erkennen, wie sich Prophezeiungen erfüllt haben. Dies verleiht Gott und Seinem Wort Glaubwürdigkeit. Es war eines der erstaunlichsten Beispiele von Erfüllung alttestamentarischer Prophezeiung, als die Juden Babylon (ca. 550 v. Chr.) verließen und in ihr Land zurückkehrten, um Jerusalem wieder aufzubauen. Dadurch erfüllten sich die Worte des Propheten Jeremiah:
„Ja,
so spricht der Herr: Wenn siebzig Jahre
für Babel vorüber sind, dann werde
ich nach euch sehen, mein Heilswort
an euch erfüllen und euch an diesen
Ort zurückführen.“
(Jeremiah 29,10)
Welch wunderbare Zeit am Leben zu sein! Die babylonische Gefangenschaft war fast zu Ende und die Nachkommen Abrahams waren im Begriff, in ihr Heimatland zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Danach hatten sie sich gesehnt. Darauf hofften und warteten sie.
Nun würde man meinen, dass ihre Reaktion auf den Aufruf von König Kyros „nach Jerusalem in Judäa hinaufzuziehen und das Haus des Herrn, des Gottes Israels, aufzubauen; denn er ist der Gott, der in Jerusalem wohnt” überschwänglich gewesen wäre.[1] Dem war jedoch nicht so. Obwohl sie in einem fremden Land waren, mit fremden Sitten und anderen Göttern, wollten viele nicht gehen. Der altjüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass die Juden es in Babylon zu etwas gebracht hatten. Die meisten konnten sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, von dort wegzugehen und wieder ganz neu anzufangen. Allein schon der Gedanke daran war ihnen ein Gräuel.
Nur ein kleiner Teil trat die Reise an. Die meisten blieben zurück. Trotz der vielen Gebote ihres Gottes, sich nicht mit anderen Völkern zu mischen und deren Sitten und Gebräuche anzunehmen, hatten sie sich in Babylon gut eingelebt, gut gehende Geschäfte aufgebaut und es zu Grundbesitz und Eigentum gebracht. Einige hatten sogar großen Reichtum angehäuft. Warum wollte Gott, dass sie alles stehen und liegen lassen und aufbrechen, und das gerade jetzt, wo es ihnen dort endlich so gut ging? Wollte Er wirklich, dass sie alles zurücklassen? Selbst Familienmitglieder, die nicht willig waren, mitzukommen? Der Ort, an den sie zurückkehren würden, war ein trostloses Ruinenfeld voller Trümmer und wilder Tiere. Sicher erwartete Er von ihnen nicht, dass sie alles, wofür sie so hart gearbeitet hatten, dafür aufgeben!? Was würden denn die Leute über ihren Gott denken, wenn sie so vernunftwidrig handeln und wie aus heiterem Himmel ihre Arbeitsstelle, Besitztümer, Freunde und Familie hinter sich lassen würden, um nach Jerusalem zurückzukehren? Was für ein Zeugnis wäre denn das?
Diese
Fragen müssen das Gemüt vieler bewegt
haben, die den Ruf hörten. Daher entschieden
sich viele der Juden, in Babylon zu
bleiben. „Es ist jetzt nicht die Zeit
zu gehen. Vielleicht können wir Babylon
ja auch zum Besseren verändern? Möglicherweise
können wir die Gesellschaft ja politisch
und finanziell beeinflussen und manches
zum
Guten wenden?“
Wenn wir diese faszinierende Geschichte lesen, stellen wir zu unserem Erstaunen fest, dass Gott wirklich wollte, dass sie gehen. Dies war Gottes Plan für sie. Und heute würde niemand in Frage stellen, ob es Gottes Wille war, dass die Juden in Babylon alles hinter sich lassen und zurückkehre, um Jerusalem wieder aufzubauen.
Welche Relevanz aber hat diese alte Geschichte in der Bibel für uns heute? Eine Teilantwort ist in der Reaktion derer zu finden, die Babylon verließen. Im Buch Esra 1,5 steht geschrieben: „… jeder, dessen Geist von Gott erweckt wurde.“ Diese folgten dem Ruf. Durch den Propheten wurde in ihrem Herzen der Wunsch geweckt, nach siebzig Jahren wieder nach Jerusalem zurückzukehren. Es war die einmalige Gelegenheit, zu hören und zu folgen. Viele hatten ihr Leben in dieser Erwartungshaltung geführt. Sie wollten sich nicht mit einem bequemen Leben in Babylon zufrieden geben. Sie wussten, dass Gott mehr erwartete. Diese Menschen waren fest entschlossen, zurückzugehen und wieder aufzubauen. Es war wie ein zweiter Auszug aus Ägypten.
Was jene in ihrem Geist erweckte und sie dazu brachte, aufzubrechen und Jerusalem wieder aufzubauen ist dasselbe, was einen heute im Geist dazu erwecken kann, Christus nachzufolgen, wenn man Seine Botschaft hört. So jemand ist fest entschlossen, das Reich Gottes wieder aufzubauen, ohne zurückzuschauen. Wenn man sich das Evangelium von Christus ansieht, ist es nicht schwierig, die Parallele zu erkennen zwischen Seinem Aufruf, alles aufzugeben und Ihm nachzufolgen und dem Aufruf Gottes an die Juden in Babylon. Viele der Juden in Babylon dachten, dass es unzumutbar war, dass sie alles zurücklassen, sogar nicht gewillte Familienmitglieder. Viele Menschen denken heutzutage genauso über den Aufruf von Christus, alles - auch nicht gewillte Familienmitglieder - hinter sich zu lassen, um Ihm nachzufolgen.
In der westlichen Welt sieht es heutzutage ähnlich aus wie damals in Babylon. Die Menschen sind recht zufrieden mit ihren Lebensumständen, ihrer Karriere und ihrem sozialen Umfeld. Sie haben es zu Eigentum und Besitz gebracht. Vielen geht es in der Welt heute „ziemlich gut“. Was aber wäre, wenn der Ruf von Gott käme, alles aufzugeben, Christus nachzufolgen und Sein Reich aufzubauen? Würde ihr Geist dann zum Gehorsam erweckt? Oder würden sie lieber bleiben, wo sie sind und ihr Leben in Babylon auskosten?
Das Reich Gottes oder die Welt aufzubauen sind zwei Paar Stiefel, wie auch Christus sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.”[2] Tatsache ist, dass die Welt ein ganz anderes Reich ist und von einem anderen König beherrscht wird.
„Da
führte ihn der Teufel (auf einen Berg)
hinauf und zeigte ihm in einem einzigen
Augenblick alle Reiche der Erde. Und
er sagte zu ihm: All die Macht und
Herrlichkeit dieser Reiche will ich
dir geben; denn sie sind mir überlassen,
und ich gebe sie, wem ich will.“
(Lukas
4,5-6)
„Wir
wissen: Wir sind aus Gott, aber die
ganze Welt steht unter der Macht
des Bösen.“
(1. Johannes 5,19)
Wir wissen auch, dass jeder, der aus der Wahrheit ist, Seine Stimme hört und Ihm nachfolgt.[3] Wer nicht in der Lage ist, Seine Stimme zu hören, ist immer noch unter der Macht des Herrschers dieser Welt. Wenn jemand Christus nachfolgen und das Reich Gottes aufbauen will, dann muss er von dem einen Reich in das andere überwechseln und jede andere Gefolgschaft verweigern. Er muss Babylon (die Welt) verlassen, um Jerusalem (Sein Reich) aufzubauen.
„Er
hat uns der Macht der Finsternis entrissen
und aufgenommen in das Reich seines
geliebten Sohnes.“
(Kolosser
1,13)
„Ich
habe ihnen dein Wort gegeben, und die
Welt hat sie gehasst, weil sie nicht
von der Welt sind, wie auch ich nicht
von der Welt bin. Ich bitte nicht,
dass du sie aus der Welt nimmst, sondern
dass du sie vor dem Bösen bewahrst.
Sie sind nicht von der Welt, wie auch
ich nicht von der Welt bin.“
(Johannes
17,14-16)
„Wenn
die Welt euch hasst, dann wisst, dass
sie mich schon vor euch gehasst hat.
Wenn ihr von der Welt stammen würdet,
würde die Welt euch als ihr Eigentum
lieben. Aber weil ihr nicht von der
Welt stammt, sondern weil ich euch
aus der Welt erwählt habe, darum hasst
euch die Welt.“
(Johannes
15,18-19)
Das Evangelium von Jesus Christus rief Menschen dazu auf, alles aufzugeben und Ihm nachzufolgen. Man konnte nicht dort bleiben, wo man war und bauen. Man musste sich aufmachen und Ihm nachfolgen. Man konnte keine andere Gefolgschaft mehr haben. Die Antwort der ersten Jünger auf diese Botschaft bestätigt dies:
„Da
sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt
mir nach. Ich werde euch zu Menschenfischern
machen. Sofort ließen sie ihre Netze
liegen und folgten ihm. Als er weiterging,
sah er zwei andere Brüder, Jakobus,
den Sohn des Zebedäus,
und seinen Bruder Johannes; sie waren
mit ihrem Vater Zebedäus im
Boot und richteten ihre Netze her.
Er rief sie, und sogleich verließen
sie das Boot und ihren Vater und folgten
Jesus.“
(Matthäus
4,19-22)
„Da
sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir
haben alles verlassen und sind dir
nachgefolgt. Jesus antwortete: Amen,
ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen
und um des Evangeliums willen Haus
oder Brüder, Schwestern, Mütter, Vater,
Kinder oder Äcker verlassen hat, wird
das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt
in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder,
Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker
erhalten, wenn auch unter Verfolgungen,
und in der kommenden Welt das ewige
Leben.“
(Markus
10,28-30)
Die ersten Jünger hielten es nicht für unzumutbar, dass Er von ihnen erwartete, alles – auch ihre Familie – hinter sich zu lassen, um Ihm nachzufolgen. Auch Christus dachte nicht, dass es etwas Ungewöhnliches war, was sie taten. Er sagte auch nicht, dass dies nicht nötig sei, als Petrus verkündete, dass sie alles verlassen hatten, um Ihm nachzufolgen. Dies war und ist die ganz normale Reaktion auf Seine Botschaft.
Diese ersten Jünger sahen sich den gleichen schwierigen Umständen gegenüber wie die Juden, die Babylon verließen. Sie mussten alle zurücklassen, deren Geist nicht erweckt wurde.[4] Sie mussten Eltern, Kinder, Männer und Frauen, Brüder und Schwestern zurücklassen, kurz: jeden, dessen Geist nicht dazu erweckt wurde, zu gehen und mit an dem zu bauen, was Gott baute.[5]
Sogar Abraham – der erste Mensch, den Gott berief – musste seine Familie zurücklassen, dazu sein Land und seine Verwandtschaft, um in ein Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen würde.[6] Er ging von einem Ort an einen anderen. Er wurde von der gleichen Stimme herausgerufen:
„Der
Geist und die Braut aber sagen: Komm!
Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig
ist, der komme. Wer will, empfange
umsonst das Wasser des Lebens.”
(Offenbarung
22,17)
Das
Wort „Komm!“ drückt einen Wechsel oder
Umzug von einem Ort an einen anderen
aus.[7] Genau dieselbe wesentliche
Forderung, die an Abraham erging, findet
sich in allen Evangelien wieder: Der
Wechsel bwz.
Umzug von einem Ort an einen anderen.
Der erste Schritt im Gehorsam zum Evangelium
besteht darin, einen Ort zu verlassen
und an einen anderen zu gehen — einen
neuen Ort und eine neue Umgebung.
Wenn jemand wiedergeboren ist, empfängt
er ein ganz neues Herz und wird in eine
ganz neue Kultur, den Leib Christi, hineingetauft.
Er verbleibt nicht in der Kultur der
Welt.
Abraham musste sein Land verlassen,[8] sich von seinem früheren Leben abwenden und das tun, wozu Gott ihn berief. Er musste dies tun, bevor ihm Gott alles andere zeigen konnte, was Er durch ihn vollbringen würde.[9] Abraham schreckte nicht zurück und tat, was Gott ihm befohlen hatte. Er gab sein Leben in dieser Welt auf und kehrte seiner Familie, Freunden und der Welt - wie er sie kannte - den Rücken zu. Er sagte „Lebewohl“, gab seinen Liebsten einen Abschiedskuss und vertraute sein Leben den Händen und der Fürsorge dessen an, der zu ihm sprach: „Lass dein Leben hinter dir und geh aus von deiner Familie und deinen Freunden, deiner Arbeitsstelle und allem, was dir hier Sicherheit verschafft. Vertraue Mir und Ich werde für dich sorgen.”[10] Alle, die dem Samen Abrahams angehören, werden Abrahams Glauben haben und das tun, was Abraham tat.[11]
[1]Esra
1,2-4
[2]Johannes
18,36
[3]Johannes 18,37
[4]Matthäus
10,34-35 und 37; 12,46-47
[5]Lukas
14,26
[6]1. Mose 12,1
[7]Johannes
6,44
[8]1. Mose 12,1-2
[9]Hebräer 11,8
[10]Matthäus
6,31-33
[11]Galater 3,7 und
29;
Johannes 8,39; Römer 4,12
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