Die Kollision mit dem Selbst
Viele Gemeinschaften sind heutzutage dem Scheitern nahe und erleben eine Krise nach der andern. Obwohl die geistigen und sozialen Folgen oft sehr anschaulich sind, verstehen nur wenige in Gemeinschaftskreisen die Ursachen ihres Scheiterns. Eins ist uns klar: Menschliche Ideale scheitern an der menschlichen Natur. Wenn Gemeinschaft funktionieren soll, müssen wir eine Medizin für das kranke Herz des Menschen finden und die unüberwindliche Schranke des Egoismus hinter uns lassen.
Kürzlich ist ein Freund von mir auf einen Autounfall gestoßen. Es war früh am Morgen, als er Reifenspuren sah, die in einer Kurve geradeaus weitergingen. Danach fielen seine Blicke auf den Furcht erregenden Anblick eines Autos, das auf eine Felswand aufgeprallt war und dessen einst glattes Blech nun zusammengefaltet war wie ein Akkordeon. Da er in erster Hilfe ausgebildet war, näherte er sich rasch dem still da liegenden Fahrzeug, um zu sehen, ob er irgendetwas tun konnte.
An der Kleidung und den Aktenkoffern der Männer konnte man gleich erkennen, dass es sich um Geschäftsleute handelte und die Automarke zeugte von Erfolg beim Geschäft. Es gab keine Anzeichen, dass irgendetwas nicht gestimmt hätte keinen Alkohol, keine Drogen, nichts, was irgendwie komisch gewesen wäre. Der Fahrer war auf groteske Art und Weise hinter der Lenksäule verborgen, die ihm offenbar das Leben geraubt hatte. Den Motor hatte er in seinem Schoß. Der Beifahrer, dessen Gesicht an der Windschutzscheibe klebte, atmete noch. Die Windschutzscheibe selbst hing an der Felswand. Mit mehrfachen Frakturen standen die Chancen auf Heilung nicht gut, doch mein Freund tat sein Bestes, während ein anderer, der auch angehalten hatte, einen Krankenwagen rief. Bis der Krankenwagen kam, schien es so lang zu dauern und noch bevor er da war, starb der Beifahrer.
Es war klar, dass beide eingeschlafen waren und keiner den andern vor dem Unglück warnen konnte. Wenn es der Beifahrer überlebt hätte, hätte er Monate, wenn nicht Jahre, lang an Schläuchen gehangen. Auch die intensivste Versorgung hätte ihn nicht mehr gesund machen können. Vom Moment des Aufpralls an hing sein Leben nur noch an einem dünnen Faden.
Aus irgendeinem Grund haben die zwei Männer nicht richtig eingeschätzt, wie müde sie wirklich waren. Eigentlich sollte es nie zu einem Wettstreit zwischen Karosserieblech und Fels kommen. Es liegt am Fahrer, einen derart hoffnungslosen Kampf, der mit äußerst geringen Überlebenschancen einhergeht, zu verhindern.
Dabei gibt es jedoch einen genauso schwierigen Wettstreit, der seit Generationen in der modernen Welt stattgefunden hat und in dem viele zu Opfern wurden bzw. auf eine ganz eigene Art eine Intensivbehandlung benötigten. In der Welt gibt es alle möglichen Felswände. Doch die allergrößte, allerhöchste und allertiefste erwartet diejenigen, die versuchen gemeinschaftlich zu leben.
VIELLEICHT SEHNEN WIR UNS NACH GEMEINSCHAFT, nach Zusammengehörigkeitsgefühl, Harmonie und Erfüllung, die viele mit Gemeinschaft verbinden. Vielleicht verlangen wir sogar so sehnsüchtig danach wie die 60er Bewegung nach der Rückkehr in den Garten verlangte. Doch dieses Verlangen allein reicht nicht aus. Was würden wir dafür geben, um mit der Schöpfung und dem Schöpfer in Einklang zu stehen? Wie lebendig doch jener Traum von einem Leben in Frieden immer noch ist einem so vollkommenen Frieden, dass es das Herz des Menschen erreicht und heilt und selbst die Ursachen der zwischenmenschlichen Konflikte behebt, die die Menschheit plagen. Wenn wir überhaupt je Hoffnung haben wollen dies zu erreichen, müssen wir begreifen, dass etwas passiert ist, das uns aus dem Garten hinausbefördert hat. Es steht dort immer noch ein Engel mit flammendem Schwert, der den Eingang bewacht. Wir können also mit unserer eigenen Kraft nicht dorthin zurückkehren. Wenn wir es könnten, wären wir ja immer noch da.
Kräfte, die uns übersteigen, haben zum Ausstoß aus Gottes Garten geführt und nur Kräfte, die uns und die Dinge übersteigen, die uns hinausbefördert haben, werden uns je dorthin zurückbringen. Unser Verlangen und unsere Sehnsucht allein werden nicht ausreichen, weil unser Charakter unsere hohen Ideale überrumpeln wird. Hinter all unseren hoch schwebenden Gedanken und kühnsten Träumen ist da etwas in uns am Werk, das dem Gemeinschaftsleben genau entgegenwirkt. An dieser Schranke kommt keiner vorbei und je mehr Energie man daran setzt, um sie zu überwinden, um so größer ist letztendlich der Schaden, der entsteht. Am Ende führt es nur zu einer tödlichen Kollision zwischen unseren Idealen und unserer menschlichen Natur. Es kommt einem Aufprall auf eine Felswand bei Autobahngeschwindigkeiten gleich. Beim Versuch, diese Schranke zu überwinden, wird Gemeinschaft entweder selbstzerstörerisch und löst sich letztendlich auf, oder sie wird sehr institutionell und reglementiert.
Lässt man die Schranken des Gewissens hinter sich, gleicht das einem zügellosen und kurzlebigen Experiment, das beweisen soll, dass man langlebige Beziehungen und Zufriedenheit auch ohne den inneren Frieden haben kann, den ein gutes Gewissen einem beschert. Der Schaden, der dabei entsteht, ist nicht zu leugnen. Denn nur ein gutes Gewissen kann garantieren, dass die tiefsten und innigsten Bedürfnisse des Menschen gedeckt werden.
Man könnte natürlich auch sorgsam alle problematischen Menschen durch Probezeiten und schriftliche Bewerbungen aussieben. Doch damit beseitigt man auch nicht die Konfliktursachen und den Mangel an Selbstwertgefühl, unter denen sowohl die Mitglieder der Gemeinschaft als auch die von ihr Ausgeschlossenen leiden. Allmählich wird solch eine Gemeinschaft nur immer reglementierter und strenger. Am Ende schießt sie weit am ursprünglichen Ziel, nämlich der menschlichen Freiheit, vorbei.
Egoismus, Egozentrik und Selbstherrlichkeit all dies veranlasst einen Menschen dazu, ohne Anleitung durch Seinen Schöpfer zu handeln. Selbst wenn wir die zerstörerische Kraft des Selbst in uns erkennen und sehen, dass wir uns ändern müssen, ist es uns dennoch unmöglich, diese Veränderung selbst herbeizuführen. Nur unser Schöpfer kann dies tun. Zuerst muss unsere Beziehung zu Ihm wiederhergestellt werden; erst dann kann Er uns wiederherstellen.
Ein Werk musste für uns vollbracht werden und zwar durch einen, der größer und besser war als wir. Und Jahschua* der Messias war der einzige, der es vollbringen konnte. In ihm fand das Opfersystem, das der Gott Israels vor langer Zeit Seinem Volk gegeben hatte, seine Erfüllung. Sein Tod und seine Wiederauferstehung für die ganze Menschheit ist noch immer die Grundlage für die Wiederherstellung des Menschen. Sein freiwilliger Opfertod ist das Mittel zur Aussöhnung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Durch ihn können wir den Geist unseres Erschaffers empfangen, damit Sein Geist in uns ein Werk beginnen kann. Dieses Werk zielt darauf ab, uns umzuformen, umzugestalten und umzuwandeln, so dass wir nicht mehr für uns selber leben, sondern unser Leben füreinander hingeben. Dieser schöpferische Prozess kann nur in der Gemeinschaft stattfinden, in der der Geist Gottes am Werk ist und Seine neue Schöpfung -genau wie einst die erste- betreut. Nur auf diesem Weg kann man die unüberwindliche Schranke des Egoismus hinter sich lassen. Es ist der einzige Weg.
Leben in Gemeinschaft allein verändert einen Menschen auch nicht. Das Gemeinschaftsleben mag vielleicht dazu dienen, einem seinen wahren egoistischen Zustand zu zeigen. Richtig verändern wird man sich aber nur, wenn man sich auf den Geist Gottes in einem stützt den Geist, der einen von innen heraus umwandelt. Gemeinschaft erzieht also den Menschen und Gemeinschaft ist das Ergebnis solcher Erziehung. Wo der Geist Gottes aber nicht am Werk ist, da wird der Egoismus, der am Werk ist, die Gemeinschaft entweder zum Zerfallen oder zu einem unnatürlichen und zwanghaften Umgang mit den Anforderungen des Gemeinschaftslebens bringen. Im letzteren Fall kann der Patient vielleicht am Leben gehalten werden, jedoch nur künstlich und es findet keine Heilung statt.
Liebe heißt, sein Leben für seine Freunde hinzugeben und ist die sichtbare Frucht des Wirkens des Geistes Gottes. Die zahlreichen Umstände in Gemeinschaft erfordern, dass diese Art von Liebe ganz praktisch in jeden Teil des Wesens eines Menschen eindringt. Sie muss jeden Teil völlig durchdringen, so dass eine Wiederherstellung des ganzen Menschen stattfinden kann.
Diese Art von Liebe die selbstlose Liebe- ist göttlichen Ursprungs. Nur mit ihr wird Gemeinschaft von Bestand sein. Diese Art von Liebe ist die einzige Kraft, mit der sich die vielen zwischenmenschlichen Konfliktsituationen lösen lassen und jede Trennung aufgehoben werden kann. Nur durch sie kann man seinen Traum verwirklichen und dabei überleben. Jeder andere Versuch, Gemeinschaft aufzubauen, ist zum Scheitern verurteilt egal, wie sehr man bemüht ist sie aufrechtzuerhalten-, weil die wichtigste Voraussetzung fehlt: Beziehungen, die auf Liebe gründen. Solche Beziehungen durchbrechen letztendlich die Schranke der egoistischen Natur des Menschen und ermöglichen es anderen, diesem Weg auch zu folgen. Dies ist Gottes Absicht, wenn Er Seine Gemeinschaften gründet.